Sauver Le Darfour dans le monde

Nie wieder Darfur!

Der Spiegel,, 14 Décembre 2006

Nie wieder Auschwitz, nie wieder Ruanda, nie wieder Srebrenica - dieses Credo der Vereinten Nationen hielt gerade bis zum Beginn des nächsten großen Genozids, dem in Darfur. Inzwischen scheint die Uno den Kampf gegen den Massenmord aufgegeben zu haben.

Nairobi - Es war nur eine kleine unbedeutende Meldung. Und sie ist fast untergegangen. Die Uno, hieß es, evakuiere ihre Mitarbeiter aus der Hauptstadt Nord-Darfurs, El Fascher. Als Grund wurde angegeben, die Angriffe von arabischen Nomadenbanden, so genannten Dschandschawid, die derzeit in Darfur gemeinsam mit sudanesischen Regierungssoldaten einen Völkermord an der überwiegend sesshaften "afrikanischen" Bevölkerung durchführen, hätten zugenommen. Da wolle man sich lieber in Sicherheit bringen.
Man kann es verstehen. Die meisten Hilfsorganisationen haben mittlerweile ihre Mitarbeiter aus dem Schlachtfeld abgezogen. Aber da war doch noch etwas? Die Uno wollte doch - Nie wieder Auschwitz!, Nie wieder Ruanda!, Nie wieder Srebrenica! - Ende des Jahres das Mandat der wirkungslosen Afrikanischen Union (AU) übernehmen. Sie wollte die Gemetzel beenden, die nun schon seit rund vier Jahren dort stattfinden und mittlerweile über 300.000 Menschen das Leben gekostet haben dürften. Die Massenvergewaltigungen stoppen, und die alttestamentarischen Flüchtlingszüge, die durch das Land mäandern, in den Tschad oder in die Zentralafrikanische Republik.

Daraus wird, wie es aussieht, nichts. Die AU wird wohl noch mindestens ein weiteres halbes Jahr sinnlos in Darfur herumpatrouillieren und im günstigsten Fall das Morden dokumentieren. Und der Uno-Sondergesandte Jan Pronk findet mittlerweile sogar, die AU mache einen tollen Job in Darfur und habe "gute Soldaten und Kommandeure" ("FAZ") und brauche deshalb eigentlich mehr Geld. Das kann gut sein, sie gibt es ja auch mit vollen Händen aus. So erhält ein afrikanischer AU-Soldat in Darfur an einem Tag so viel wie ein gut bezahlter kenianischer Arbeiter in einem ganzen Monat: rund 100 US-Dollar.
Aber das ist natürlich nicht der Grund für das Scheitern. Die AU hat das Problem, dass sie nur eine Repräsentanz ihrer Mitgliedstaaten sein kann. Und die sind nun einmal vornehmlich Diktaturen wie Ruanda, der Tschad oder Libyen. Äthiopien, Äquatorialguinea oder Simbabwe. Guinea, Gabun oder die Zentralafrikanische Republik. Trümmerhaufen wie Somalia, der Kongo oder Liberia. Oder hochgradig korrupte Staaten wie Kenia, Nigeria oder Angola. Und nicht zu vergessen, natürlich: die Islamistendiktatur Sudan selbst. Um nur einige zu nennen.
Wenn die Uno nun aber ganz plötzlich anfängt, davon zu schwadronieren, dass die AU gestärkt werden müsse - also Simbabwe, Libyen, Sudan, Äquatorialguinea und so weiter -, um das Morden in einem ihrer Mitgliedsstaaten zu beenden, und gleichzeitig ihre eigenen Mitarbeiter evakuiert, muss man hellhörig werden. Die AU hat es immerhin nun schon einige Jahre lang nicht gerichtet. Nach Einschätzung von Darfuris, Rebellen wie Zivilisten, hat sie die Lage sogar verschlimmert, weil ihre korrupten Vertreter zum Beispiel gegen Bezahlung Treibstoffkonvois der sudanesischen Armee durch Rebellengebiet eskortiert haben.
Während sie von Europäern ihre Soldaten durch die Gegend fliegen ließ (die Soldateska des ruandischen Diktators ließ sich von der holländischen Luftwaffe nach Darfur chauffieren und die des gambischen Diktators, eines ehemaligen Wrestlers, von den Deutschen), wurden Hunderttausende von Zivilisten im Westen des Sudan massakriert. Nun soll es also allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz so weitergehen. Und das ist eine Tragödie.
Dabei ist es zutiefst ungerecht, die Afrikanische Union, die ja mittlerweile selbst nicht mehr will, zu überfordern. Wenn die Vereinten Nationen das tun, handeln sie schäbig und scheinheilig. Sie erklären, sie wollten ein zweites Ruanda verhindern und übertragen einer Vereinigung der korruptesten Staaten und übelsten Diktaturen der Erde das Mandat dafür. Wie soll das gehen? Die Afrikanische Union nennt sogar die Wahlen in Simbabwe frei und fair. Und warum auch nicht? Die Annahme, dass ausgerechnet die Vertreter dieser Polizei- und Terrorstaaten an den simbabwischen Wahlen etwas auszusetzen haben, ist grotesk.
Die Vertreter dieser Regimes sind ja auch noch kein einziges Mal eingeschritten, wenn in einem ihrer Mitgliedsstaaten Kindersoldaten aufeinandergehetzt, Bodenschätze geplündert oder Konten in der Schweiz angelegt werden. Die meisten tun es schließlich selbst, ohne dass ihnen dafür die Entwicklungshilfe gestrichen wird. Kenias Präsident Mwai Kibaki, das kam in der vergangenen Woche ans Tageslicht, etwa ist so schamlos, seine Bezüge auf 40.000 Dollar monatlich festzulegen, während Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo, ein ehemaliger Militärdiktator und afrikanischer Freund des Bundespräsidenten Horst Köhler, auf 128.000 Dollar im Monat kommen soll.
Der ehemalige deutsche Innenminister und Uno-Sondergesandte für Sudan, Gerhart Baum, räumt längst ein: "Der Afrikanischen Union die Verantwortung für Darfur zu übertragen, war einer der größten Fehler, die gemacht wurden." Wenn Jan Pronk also von der Afrikanischen Union schwärmt und sie auch in der Zukunft mit der Befriedung des Sudan betrauen will, dann heißt das nicht mehr und nicht weniger, als dass die Uno Darfur aufgegeben hat. Und dass es nächstes Mal dann heißt: Nie wieder Auschwitz! Nie wieder Ruanda! Nie wieder Srebrenica! Und: Nie wieder Darfur!