Sauver Le Darfour dans le monde

"Ganz direkt gesagt, es geht um materiellen Besitz"

Der Standart.com, 03 Février 2006

Afrikahistoriker Michael Zach im derStandard.at- Interview über Ursachen des Krieges in Darfur und mögliche Konfliktbewältigung - Foto
Während sich die Situation im Süden des Sudans nach jahrzehnte langem Bürgerkrieg durch das Autonomieabkommen vom Mai 2004 allmählich zu beruhigen scheint, so eskaliert ein weiterer kriegerischer Konflikt zwischen "arabischen" Nomaden und "afrikanischen" Bauern im Westen des Landes. Die Auseinandersetzungen in den drei Provinzen der Darfur-Region haben zu einer der schlimmsten humanitären Katastophen zu Beginn des des neuen Jahrtausends geführt. derStandard.at sprach mit Michael Zach über Ursachen des Krieges und Möglichkeiten der Konfliktbewältigung.
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derStandard.at: Welche Ursachen hat der Bürgerkrieg in Darfur? Inwieweit spielen "traditionelle ethnische Konflikte" zwischen Bauern vs. Nomaden eine Rolle?

Zach: Die Fur sind eine alte Ethnie, die spätestens seit dem europäischen Mittelalter in Darfur ansässig ist. Es war zunächst ein Königreich, danach ein Sultanat, das sich aus der Islamisierung Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts herausgebildet hat. Die Machthaber in Khartum kommen dagegen im Prinzip aus der arabischstämmigen Elite, die ungefähr ab dem elften Jahrhundert in den Sudan eingewandert ist und sich hier auf Kosten bzw. in den Territorien der ursprünglichen Bevölkerung ausgebreitet hat. Demnach können wir sagen, dass der Konflikt an und für sich etwas vorkoloniales hat. Denn wenn man in der Geschichte einige Jahrhunderte zurückgeht, tauchen immer wieder die Konflikte Niltal einerseits und die Regionen im Westen des Sudans andrerseits auf.

Damals wie heute geht es natürlich um territoriale Expansion. Bodenschätze sind in Darfur im Gegensatz zum Südsudan kaum vorhanden, sieht man von ein paar kleinen Erdölfunden ab. Und man sollte zweierlei vor Augen halten: Darfur ist als teilautonomes Gebiet erstmals 1874 an den Sudan - damals ägyptische Kolonie - gekommen und im erst 1916 in Zeiten des anglo-ägyptischen Kondominiums im Zuge einer kriegerischen Auseinandersetzung ganz in das staatliche Territorium eingegliedert worden. Auf Grund seiner langjährigen staatlichen Tradition hat Darfur eine gewisse Reserviertheit gegenüber dem Niltal und vice versa.

derStandard.at: Wer sind und gegen wen richten sich die Jaanjaweed-Milizen?

Zach: Die Jaanjaweed sind vorwiegend Nomaden bzw. Seminomaden. Die gegenwärtige Lage in Darfur ist davon beeinflusst, dass Khartum im Zuge des Bürgerkrieges im Südsudan seine Milizen bewaffnet hat - bzw. eine Bewaffnung geduldet hat. Diese Waffen sind in Folge nicht im Süden verblieben, sondern im Verlauf der Zeit auch nach Kordofan gekommen und von dort in einem Bogen weiter nach Darfur. Die Wurzeln liegen also schon wesentlich länger zurück, im Rahmen von rund zehn, 15 Jahren, wo Khartum seine Verbündeten im Bürgerkrieg hier bewaffnet hat und dass sich jener auch verselbständigt hat. Auf der anderen Seite gibt es die "Sudanesische Befreiungsarmee", und die "Justice and Equality Movement", die primär aus ansässigen Bauern bestehen. Und auch hier geht die Bildung dieser "Rebellenorganisationen" zurück auf die Reaktion aus den Übergriffen in der Vergangenheit.

derStandard.at: Und die Ziele der Jaanjaweed?

Zach: Ganz direkt gesagt, es geht um materiellen Besitz. Denn ich weiß nicht, was Khartum davon hätte, die Fur aus Darfur zu vertreiben. Das Land ist, unter anderem durch die fortschreitende Verwüstung, bis auf einige Teile kaum bewohnbar. Das Niltal ist das fruchtbarste und das für Menschen akzeptabelste Land. Daher sehe ich keine Logik darin, dass jemand aus dem Niltal nach Darfur ziehen würde. Und die Milizen berauben und verwüsten Ortschaften, sie setzen im Prinzip die Tradition der Überfälle, der Plünderungen fort, mit modernen Waffen. Um Land im herkömmlichen Sinne, als Siedlungsgebiet, vermag ich das nicht zu sehen. Ich denke, dass in Folge der Aufrüstung im ursprünglichen Kampf gegen den Süden etwas losgebrochen ist, das sich verselbständigt und dessen Tragweite Khartum nicht erkannt hat. Ich denke nicht, dass die sudanesische Regierung dieses Ausmaß gewollt oder vorhergesehen hat.

In einem Land mit beschränkten Ressourcen brechen traditionelle Konflikte immer wieder aus. Jene waren auch vor sowie während der Kolonialzeit vorhanden und sind im Prinzip niedergehalten, im Endeffekt aber nie wirklich bereinigt worden. Ähnliche Szenarien haben wir auch in anderen Regionen wie in Somalia, Ruanda, Burundi, erlebt. Im Prinzip liegen die Ursachen in den Rivalitäten zwischen traditionellen Gruppierungen, deren Jahrhunderte alte Konflikte wieder ausbrechen.

derStandard.at: Es gibt Berichte die besagen, dass die Janjaweed-Milizen auch in die sudanesische Armee eingegliedert werden.

Zach: Ja, aber auch dies liegt in der Tradition. In dieser Art und Weise ist schon die Armee selbst aufgebaut worden mit dem Beginn der ägyptischen Okkupation 1820/21. Es wurden immer schon Milizen in die Armee oder in die Besatzungstruppen eingegliedert - unter dem Gesichtspunkt, dass jene für die Milizionäre ein willkommenes Mittel sind, auch am "Wohlstand" zu partizipieren, vom System zu profitieren.

derStandard.at: Bereits in den 1980ern und 90ern gab es in Darfur Bürgerkriege, wenn auch nicht gleichen Ausmaßes. Waren hingegen dieselben Ursachen Auslöser der Konflikte?

Zach: Der Unterschied zu den 80ern liegt darin, dass es sich damals auch um einen politischer Konflikt rund um die Ernennung von Gouverneuren gehandelt hat. Ausschlaggebend war, dass diese Vertreter nicht aus Darfur stammten, sondern aus den Eliten Khartums, die sich durch ihre pro Khartum Politik und durch Korruption sehr unbeliebt gemacht haben.

derStandard.at: Spiegeln politische Entscheidung wie jene nicht die Interessen der jeweiligen Regierungen in Khartum wieder, eine Arabisierung des Landes durchzuführen? Präsident Bashir ist dafür bekannt, dass er hierbei sehr militant vorgeht.

Zach: Ja, wobei in Darfur zu beachten ist, dass im Gegensatz zur Bevölkerung des Südsudans die Fur schon seit Jahrhunderten Moslems sind. Es ist diese Ambivalenz des Sudans, die Frage nach dem "Was sind wir? Sind wir ein afrikanisches oder ein arabisches Land?" Das ist eine Frage, die die Bevölkerung noch nicht beantwortet hat, insoferne ja auch der Südsudan überwiegend von Christen und Angehörigen traditioneller Religionen bewohnt wird. Während seit den 60ern der Slogan: "Wir sind ein afrikanisches Land" dominiert hatte, so spielt nun im Zuge der Islamisierung eine Identifizierung mit der arabischen Welt eine zunehmende Rolle.

Was hier noch dazukommt, ist eine Art Minderwertigkeitsgefühl gegenüber anderen arabischen Ländern, wie z.B. Ägypten oder der arabischen Halbinsel. "Wir sind ja auch Moslems, wir haben auch dasselbe Recht" - Vielleicht ist das auch der "kleine Bruder Komplex" - ein psychologisches Problem - oder auch ein Komplex von Zentrum und Peripherie. Der Sudan liegt nun mal der Peripherie der islamischen Welt. Der Sudan ist sicherlich noch immer auf der Suche nach einer Identität.

derStandard.at: Der zunehmende Arabismus äußert sich auch im wachsenden Rassismus gegenüber der schwarzafrikanischen Bevölkerung.

Zach: Das wäre zu hinterfragen. Andrerseits unterliegen auch - das hab ich in Khartum selbst mehrmals erlebt, die arabischstämmigen Sudanesen einem gewissen Rassismus durch z.B. Saudis, Jemeniten oder auch Ägyptern. Natürlich kann man dies nicht verallgemeinern, aber einige Male konnte ich beobachten, wie reiche Kaufleute die Sudanesen, auch wenn sie arabisch-stämmig sind, behandelt haben wie den letzten Dreck.

derStandard.at: Könnte als Lösung der Situation in Darfur eine Autonomieregelung ähnlich wie im Süden dienen?

Zach: Im Gegensatz zum Südsudan ist nie explizit davon gesprochen worden, dass sich Darfur unabhängig macht. Ein Staat Darfur, wie auch immer der aussehen würde, wäre ein Binnenstaat ohne großartige Ressourcen, und auf jeden Fall abhängig von einem der großen Nachbarn. Der Tschad, bzw. die Franzosen im Tschad werden sich da nicht die Finger verbrennen wollen. Eine Abhängigkeit von Libyen oder vom Sudan wäre auf alle Fälle gegeben.

derStandard.at: Internationale Hilfsorganisationen fordern weniger Gespräche, mehr Taten. Wie sollte eine solche Hilfe aussehen?

Zach: Vor einigen Monaten sah ich ein versammeltes Gremium der Vereinten Nationen, wo anlässlich der Gedenkveranstaltung "10 Jahre Genozid" in Ruanda vollmundig verkündet wurde, so etwas dürfe nie wieder passieren. Nie wieder. Damals hatte die UNO aufs kläglichste versagt und heute passiert in Darfur genau dasselbe. Das macht mich sehr betroffen. Zwar kann man im Westsudan nicht von einem Genozid wie in Ruanda sprechen, wo in einigen Wochen Hunderttausende Menschen getötet wurden. Aber was hier in Dafur vorgeht, ist ein schleichender Genozid.

Wir dürfen nicht nur die Leute mitrechnen, die von den Milizen umgebracht werden, sondern auch die Menschen, die flüchten. Die Leute sind in Flüchtlingslagern in der Sahelzone untergebracht, sie sind unterversorgt, psychisch und physisch angeschlagen, die Sterblichkeitsrate ist hoch. Außerdem sehen wir immer nur ein, zwei Lager. Was ist mit den vielen, den einzelnen oder kleinen Grüppchen, die in der Sahara irgendwo gegen Westen sterben? Es gibt keine genauen Zahlen. Sicherlich ist es erfreulich, dass es eine UN-Resolution gibt. Auch wenn es lange gedauert hat, bis sich die Supermächte oder die UNO einmal bequemt haben, hier etwas zu tun.

derStandard.at: Ein gemeinsamer Entschluss der UNO, gerade auch hinsichtlich einer Intervention, ist ja schon aufgrund der chinesischen und russischen Erdölinteressen im Sudan schwer.

Zach: Ja. China ist aber nicht nur punkto Erdöl am Sudan interessiert. Wann immer sie in Khartum einkaufen gegen: von Geschirr bis Konserven ist alles "Made in China". Aufgrund ihrer Rolle als Haupthandelspartner des Sudan und Khartums, werden es sich jene wohl nicht verscherzen wollen.

derStandard.at: Was sollte Ihrer Ansicht nach passieren?

Zach: Die Frage ist, ob politischer Druck alleine ausreicht und inwieweit Khartum die islamische Karte spielt. Das Szenario, der "christliche Westen richtet sich wieder einmal gegen ein islamisches Land", haben wir auch in Afghanistan oder im Irak. Im Sudan folgt es zunehmend der Logik: "Wir sind einer der nächsten".

Ich sehe wegen der beschränkten Mittel die Möglichkeit, den Konflikt über die UNO zu regeln. Und hier wäre ähnlich wie in Westafrika primär einer Lösung den Vorzug zu geben, in der die Afrikaner in einem multinationalen Kontingent tätig werden. Ich würde es nicht als produktiv sehen, wenn Briten, Amerikaner, Franzosen intervenieren würden.

derStandard.at: Die Afrikanische Union hat schon die Entsendung von Soldaten angekündigt. Könnte der Konflikt im Falle einer Intervention auf andere afrikanische Länder übergreifen?

Zach: Natürlich besteht die Gefahr. In diesem Zusammenhang stellt sich aber auch eine kuriose Frage: sollte eine Intervention nicht nur von einer rein afrikanischen, sondern von einer rein islamisch-afrikanischen Armee getragen werden? Denn beide Konfliktparteien sind Moslems, wobei auch der Islam im Sudan von unterschiedlichen religiösen Bruderschaften getragen wird, die auch in Rivalität zueinander stehen. Es wäre daher gar nicht schlecht, wenn es eine islamisch-afrikanische multinationale Streitmacht oder UNO-Truppe wäre. Es würde sicherlich Ressentiments wecken, wenn es eine von Europäern oder Amerikanern dominierte Intervention wäre.

Bei Europäern könnte man sehr leicht wieder das Propagandamittel spielen, "der Kolonialismus wiederholt sich". Nach dem Motto: "Wir sind jetzt 48 Jahre unabhängig, und nach nur fast einem halben Jahrhundert sind sie wieder da. Und wieder schreiben sie uns was vor". Man sollte Afrika mehr zutrauen. Wir kennen alle die Probleme, die auf dem Kontinent vorherrschen. Aber man sollte auch hier - eventuell in einer Verbindung der OAU mit der UNO - ein Konzept erarbeiten, und sich nicht zu lange damit zeitlassen. Das würde ich als die probatere Lösung sehen.

derStandard.at: Wie sollte ein solcher Einsatz finanzierbar werden, gerade angesichts der enormen Verschuldung der meisten afrikanischen Staaten?

Zach: Der sollte von der internationalen Staatengemeinschaft getragen werden. Ich denke, Menschenleben zu retten, mehr oder weniger ein ganzes Volk, muss es wert sein.